Autor: HPB
(im Juni 2019 verfasst)
Ich will das dialektische Gesetz der Negation der Negation noch ein wenig greifbarer machen. Dafür eignet sich der deutsche Herbst 1923 besonders gut, denn zwei sehr gegensätzliche Politiker, nämlich Adolf Hitler und Ernst Thälmann, kamen zu der gleichen Schlussfolgerung, dass die Macht im Deutschen Reich eigentlich auf der Straße liege und man nur mit einer energischen Aktion danach greifen müsse.
Die Novemberrevolution vom 9. November 1918 führte zur Gründung von Arbeiter- und Soldatenräten als neuer Machtorgane und zum Waffenstillstand mit der Entente von Compiegne am 11.11.1918. Wenn auch große Teile des deutschen Volkes damals republikanisch-demokratische Ideen (und Illusionen) sowie Waffen in den Händen hatten, so bestimmten doch die nationale Frage und die sozialen Verhältnisse zunehmend die folgenden Machtkämpfe, wobei es um die Konsolidierung der bürgerlich-parlamentarischen Ordnung und damit einhergehend um die Entwaffnung des Volkes oder die Errichtung einer Räteordnung ging.
Folgende Gebietsabtretungen und Besetzungen nach dem Waffenstillstand und im Zuge der Umsetzung des am 28. Juni 1919 Deutschland ultimativ aufgenötigten Friedensvertrages von Versailles fachten die Auseinandersetzungen zur nationalen Frage im Deutschen Reich an:
– Mit dem Waffenstillstand vom 11.11.1918 wurde dem Deutschen Reich diktiert, seine Truppen binnen 15 Tagen aus allen besetzten Gebieten einschließlich Elsass und Lothringen zurückzuziehen. Zudem wurde festgelegt, dass alle deutschen Beamten und die seit 1871 Zugezogenen Elsass und Lothringen zu verlassen hatten.
– Am 22. November 1918 marschierten französische Truppen in das Saarland ein und setzten die faktische Abtrennung vom Reich durch. Die gerade neu entstandenen Arbeiter- und Soldatenräte wurden verboten. Später wurde die Regierung des Saarlandes dem Völkerbund unterstellt.
– Im Januar 1919 besetzten polnische Militärverbände das Gros der Provinz Posen, wobei sie sich auf Zusagen für einen „polnischen Korridor“ mit Zugang zur Ostsee beriefen.
– Am 11.07.1920 wurde nach der formellen Anerkennung der Abtretung des „polnischen Korridors“ an Polen durch das Deutsche Reich die Wojewodschaft Pommerellen gebildet.
– Die beabsichtigte Loslösung Danzigs vom Deutschen Reich stieß ab 1919 auf breiten Widerstand der dortigen Bevölkerung, die das mit großen Demonstrationen für den Verbleib bei Deutschland ablehnte. Am 20. August 1920 lenkte die Verfassungsgebende Versammlung Danzigs zu einem Kompromiss ein und erklärte sich für die Neutralität als Freistadt zwischen Polen und Deutschland. Ursache des Sinneswandels war das Vorrücken der Roten Armee auf Warschau, wo am 10. August bereits das sowjetische III. Kavallerie-Korps die Weichsel westwärts überschritten hatte und die Eroberung Polens erwartet wurde. (Anmerkung: Am 24.April 1920 begann mit dem polnischen Hauptangriff auf die Ukraine in Richtung Kiew der „eigentliche“ polnisch-sowjetische Krieg.)
– Nach dem Volksentscheid in Oberschlesien vom 20. März 1921, bei dem sich 60 Prozent der Wähler für den Verbleib im Deutschen Reich entschieden hatten, legte die am 20. Oktober 1921 in Paris tagende Botschafterkonferenz gegen deutschen Protest die Teilung Oberschlesiens fest, wobei Polen das Bergbauzentrum um Kattowitz zugesprochen bekam. Die Entscheidung führte zum Rücktritt der Regierung Wirth!
– Am 08. März 1921 erfolgte die Besetzung von Düsseldorf und Duisburg durch französische und belgische Truppen, um rückständige Reparationen des Deutschen Reiches und die Entwaffnung der dem Friedensvertrag zuwider bestehenden Reste der Freikorps zu erzwingen. (Anmerkung: Die Militär-Aktion verstärkte abrupt die politischen und militärischen Gegensätze im Deutschen Reich.)
Episodisch greife ich einige Ereignisse des Machtkampfes nach der Novemberrevolution von 1918 auf:
Vom 23. bis 25. Dezember kam es zu einer „Meuterei“ der Volksmarine-Division in Berlin. Der am 11. November gegründete Marine-Verband hatte bis Ende November eine Mann-Stärke von etwa 3.200 erreicht. Er war für den Schutz der Reichskanzlei, des Reichstags und der Museums-Insel zuständig und führte zur Aufrechterhaltung der Ordnung auch Streifendienst auf den Berliner Bahnhöfen durch. Anfänglich stark von SPD-Vorstellungen beeinflusst, verstärkten sich im Dezember linke Zielsetzungen, weshalb Generalität und SPD-Führung die Auflösung der Volksmarine-Division anstrebten. Zur Legitimation des Vorgehens wurde behauptet, aus dem unter dem Schutz der Matrosen stehenden Berliner Stadtschloss seien Kunstgegenstände entwendet worden (was beim Normalbürger für entsprechende Empörung sorgte). In Anbetracht des medialen Druckes wurde einvernehmlich die Auflösung der Division beschlossen. Teile davon sollten in andere Sicherheits-Organe übernommen werden und die Restlichen mit der Demobilisierung eine Abfindung erhalten. Als vor Weihnachten der Stadtkommandant jedoch die erwartete Sold-Zahlung verweigerte, begann – unterstützt von großen Demonstrationen – die Meuterei. Truppenteile des Heeres, die gegen die Meuterer und Demonstranten eingesetzt werden sollten, schwankten bei der Befehls-Erfüllung und lösten sich auf (Analogon zum Kornilow-Putsch 1917 in Russland). Die Meuterei wurde durch Verhandlungen schließlich beigelegt.
Nach den Weihnachtskämpfen 1918 suchte die SPD-geführte Regierung nach weiteren Gelegenheiten, das Volk zu entwaffnen. Sie ließ Heeres-Verbände von der Westfront nahe Berlin bereitstellen und veranlasste die preußische Regierung, am 04. Januar 1919 den linken Berliner Polizeipräsidenten Eichhorn zu entlassen, um die Polizei wieder der bürgerlichen Regierungs-Kontrolle zu unterstellen. Der Protest dagegen mit großen Kundgebungen führte zum sogenannten „Spartakus-Aufstand“ in Berlin vom 5. bis 12. Januar, der durch Militär-Einsatz blutig nieder geschlagen wurde. Im Zuge der „Abrechnung mit den Spartakisten“ wurden die Führer der gerade neu gegründeten KPD, Rosa Luxemburg und Karl-Liebknecht, am 15. Januar 1919 festgenommen und umgebracht (Garde-Kavallerie-Schützen-Division, Hauptmann Waldemar Pabst).
Am 19. Januar 1919 fand die Wahl zur Verfassungsgebenden Weimarer Nationalversammlung statt, bei der die SPD 37.9 % und die USPD 7.6 % der Stimmen erhielten. Die Konstituierung der National-Versammlung erfolgte am 09. Februar 1919. Am 11. Februar wurde Friedrich Ebert (SPD) zum vorläufigen Reichs-Präsidenten gewählt. Philipp Scheidemann (SPD) erhielt den Auftrag, als Reichs-Kanzler eine Koalitions-Regierung aus SPD und bürgerlichen Parteien zu bilden.
Am 10. Januar 1919 wurde in Bremen die Räte-Republik ausgerufen und die Bürgerschaft für aufgelöst erklärt. Bis zum 04. Februar konnte die Bremer Räte-Republik militärisch niedergeworfen werden.
Die radikalen Revolutionäre Berlins waren nach der Ermordung Karl-Liebknechts und dem spurlosen Verschwinden Rosa Luxemburgs mit der Weimarer Republik nicht zu versöhnen. Noch waren viele von ihnen bewaffnet. Am 03. März 1919 wurde aus Protest gegen die Tätigkeit der National-Versammlung ein Generalstreik beschlossen, dem noch am gleichen Tage die Verhängung des Ausnahme-Zustandes über Berlin durch das Preußische Staats-Ministerium folgte. Ab 04. März rückten Freikorps-Verbände (Marine-Brigade Ehrhardt, Lützow, Garde-Kavallerie-Schützen-Division) ein und besetzten das Stadtzentrum. Schon am 05. März kam es am Alexanderplatz zu schweren Kämpfen mit Teilen der Republikanischen Soldaten-Wehr und der Volksmarine-Division. Am 6. März setzten das Generalkommando Artillerie, gepanzerte Fahrzeuge und Flugzeuge im Stadtgebiet ein und konnte das Zentrum unter Kontrolle bringen. Am 08. März 1919 gelang es den Aufständischen in Lichtenberg, das Postamt und das Polizeipräsidium einzunehmen. Obwohl die Polizeibeamten fliehen konnten oder auf freien Fuß gesetzt wurden, behauptete der Polizeipräsident am 09. März, dass seine Beamten massenhaft ermordet worden seien. Am 10. März berichteten deutsche Zeitungen des ganzen Reiches von 60 getöteten Polizisten. Noch am 09.03. erteilte Gustav Noske den Befehl zur standrechtlichen Erschießung aller Personen, die mit der Waffe in der Hand angetroffen wurden oder Waffen versteckt hatten. Erst ab 13. März 1919, nachdem das Militär gesiegt hatte, gaben die Zeitungen bekannt, dass alle vorangegangenen Gräuel-Meldungen falsch gewesen waren (Anmerkung: „Gut gelernt“ bei den Briten, wie man den Gegner dämonisiert). Kämpfe und Standrecht forderten 1.200 Todesopfer, darunter auch etliche Kriegs-Veteranen, die ihre Waffe als Souvenir mit nach Hause genommen hatten. Das Standrecht galt bis zum 16. März 1919 und führte zur Volks-Entwaffnung.
Am 07. April 1919 wurde in München die bayrische Räte-Republik proklamiert. Ihre militärische Niederschlagung erfolgte bis zum 02. Mai 1919. Offiziell wurden dabei 606 Todesopfer registriert, darunter 233 Kämpfer der Roten Armee, 335 Zivilisten (standrechtlich erschossen?) und 38 Angehörige von Militär und Freikorps. Bei Gräfelfing erschossen Freikorps-Angehörige auch 52 russische Kriegs-Gefangene!
Nach der vermeintlichen Konsolidierung der Macht in den Zentren des Reiches ging die SPD-geführte Regierung unter dem Druck der Sieger-Mächte an die Beschneidung der Freikorps. Der Rückruf der „Baltikumer“ funktionierte erst, nachdem die Finanzierung aus dem Reich gekappt worden war. Die zwangsläufig aus dem Baltikum ins Deutsche Reich heim-kehrenden Freikorps waren anti-republikanisch eingestellt und somit eine latente Gefahr für die Regierenden. Zum Auslöser des Kapp-Putsches am 13. März 1920 wurde die Noske-Order zur Auflösung der Marine-Brigade Erhardt, die als Elite-Verband galt. Auf die Proklamation der Macht-Übernahme durch Kapp und Lüttwitz floh die Reichs-Regierung nach Stuttgart und rief am gleichen Tag zum General-Streik gegen die Putschisten auf. Der Streik-Aufruf wurde weitgehend befolgt: selbst in Wasser- und Elektrizitäts-Werken, bei der Reichsbahn und der Reichspost, so dass elementare Regierungs-Funktionen komplett ausfielen. Angesichts dessen flüchtete Kapp am 17.03.1920 nach Schweden, und Lüttwitz übernahm die alleinige Macht als Militär-Diktator. Spontan entstanden militärische Formationen zum Kampf gegen die Putschisten.
Am 26. März 1920 wurde die neue Reichsregierung unter Hermann Müller gebildet, die den Putsch durch Verhandlungen beizulegen hoffte. Nachdem Arbeiter-Wehren in Essen, Hagen und anderen Städten des Ruhrgebietes die Putschisten entwaffnet oder vertrieben hatten, entstand binnen weniger Tage die „Rote Ruhr-Armee“, der etwa 100.000 Kämpfer angehörten. Die Müller-Regierung forderte ultimativ die Waffen-Niederlegung der Ruhr-Bevölkerung bis zum 30. März 1920. Als die Aufständischen das aufgrund der offenen Machtfrage verweigerten, setzte die neue Regierung Heeres- und Polizei-Verbände, darunter auch die der Putschisten, vom Münsterland her gegen die anti-putschistischen Kämpfer ein. Der Vormarsch stoppte erst aufgrund der britischen Drohung, das Bergische Land wegen Verletzung des Versailler Friedens-Vertrages zu besetzen. Die Gesamtzahl der Opfer durch Kämpfe, standgerichtliche oder willkürliche Tötungen ist unbekannt. Reichspräsident Ebert widerrief die Standgerichte zwar schon am 03. April, doch erst am 12. April 1920 befahl der kommandierende General den Soldaten, wieder die gesetzlichen Bestimmungen einzuhalten. Die Opferzahl dürfte wesentlich höher als bei den März-Kämpfen 1919 in Berlin gewesen sein.
Mit der Ankündigung des bevorstehenden Einmarsches von Verbänden der neu formierten Sicherheits-Polizei wurden am 17. März 1921 die Märzkämpfe in Mitteldeutschland (Halle-Merseburg, Bergbau-Region Mansfeld-Eisleben) ausgelöst, indem die Arbeiter aus Protest die Leuna-Werke besetzten. Am 23. März begannen militärische Auseinandersetzungen, worauf am 24. März vom zuständigen Regierungs-Präsidenten der Ausnahme-Zustand verhängt wurde. Die Kampfhandlungen endeten am 29. März 1921 mit der Besetzung der Leuna-Werke durch die Polizei. Insgesamt forderten die Kämpfe um Halle / Saale und Eisleben 180 Todesopfer und führten auch hier zur Volksentwaffnung.
Doch nun zum Jahr 1923.
In Berlin amtierte vom 22. November 1922 bis zum 12. August 1923 das „Wirtschafts-Kabinett“ unter Reichskanzler Cuno ohne SPD-Beteiligung. Trotz Erholung der Wirtschaft 1922 und vermeintlicher politischer Stabilisierung des Reiches sah sich die Reichs-Regierung außerstande, die geforderten Sach- und Geldleistungen für Reparationen in voller Höhe an die Sieger-Mächte zu leisten. Rückblickend bildete die Wirtschaftskrise bei den Siegermächten, die mit einem weltweiten Konjunktur- und Nachfrage-Einbruch für deutsche Exportgüter einher ging, eine der Ursachen. In Verkennung dessen besetzten am 11. Januar 1923 französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, um die rückständigen Reparationen dort zu entnehmen. Die Reichsregierung rief darauf hin die Bevölkerung der Ruhr-Gebietes zum „Ruhrkampf“ als Form des passiven Widerstandes mit Streik auf. Um den Streikenden (ca. zwei Millionen Arbeiter) das Überleben zu ermöglichen zahlte die Cuno-Regierung ihnen finanzielle Beihilfen, die von Monat zu Monat die umlaufende Geldmenge inflationär aufblähten und die aufkeimende Hyperinflation befeuerten, so dass im Herbst 1923 sogar mit Milliarden- und Billionen-Beträgen gezahlt werden musste.
Die Hyperinflation führte u. a. zur Verarmung von Sparern, Gläubigern, Lohn- und Gehaltsbeziehern und zur billigen Entschuldung des Reiches von den aufgenommenen Kriegs-Krediten. Die Tendenz der Verelendung ließ bei vielen Deutschen die Erkenntnis reifen, dass die Schuld an der Misere nicht nur bei Frankreich und Belgien sondern auch auch beim „Wirtschafts-Kabinett“ Cuno liege.
Auf Cuno folgte Gustav Stresemann als Reichskanzler. In Anbetracht steigender Arbeitslosigkeit, fortschreitender Verarmung breiter Volks-Schichten und des wachsenden Wähler-Zulaufs zur KPD brach dieser am 26. September den „Ruhrkampf“ ab und setzte auf Währungs-Stabilisierung. Am 15. November 1923 wurde die neue „Renten-Mark“ eingeführt – eine Währung, die durch zwangsweise auferlegte Hypotheken und Grundschulden auf Immobilien von Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe abgesichert wurde und mit der Reduzierung der noch umlaufenden Papier-Geldmenge in Reichsmark einher ging.
Doch bevor die wirtschaftliche Konsolidierung einsetzte, standen die politischen Zeichen auf Sturm. Sowohl bei der KPD als auch bei der NSDAP sah man den politischen Verfall des Reiches, das Niedergehen des Vertrauens in die republikanischen Institutionen und die aufkommende Verzweiflung der Menschen. Die Macht schien auf der Straße zu liegen! Beide Seiten beschlossen, ihren politischen Einfluss zielstrebig auszubauen und auf Gelegenheiten zur Machtergreifung hinzuarbeiten.
Seit Februar 1923 regierte in Sachsen die SPD mit Erich Zeigner an der Spitze. Unbeachtet von der Landesregierung, entwickelten sich in Sachsen „Proletarische Hundertschaften“ als KPD-gelenkte paramilitärische Kampf-Organe gegen die Verelendung der werktätigen Massen. Am 10. Oktober 1923 trat die KPD in die sächsische Regierung ein, ohne jedoch Macht-Ministerien besetzen zu können. Am 13. Oktober erließ Generalleutnant A. Müller für Sachsen ein Verbot der „Proletarischen Hundertschaften“. Am 16.10.1923 wurde die sächsische Polizei der Reichswehr unterstellt und somit die Landesregierung entmachtet. Am 29. Oktober erfolgte die förmliche Reichs-Exekution gegen Sachsen, indem ein Reichs-Kommissar eingesetzt wurde, der die Kabinetts-Mitglieder ihrer Ämter enthob. Die Exekution endete am 30. Oktober 1923 mit dem Rücktritt Erich Zeigners zugunsten einer reinen SPD-Regierung.
Während die Mehrheit der KPD-Führung im Reich trotz zunehmender Verelendung der Bevölkerung aufgrund der bestehenden Macht-Verhältnisse einen bewaffneten politischen Umsturz im Herbst 1923 ablehnte, glaubte die Sektion „Wasserkante“ (Hamburg), dass ein Aufstand in Verbindung mit sächsischen und thüringischen Widerstand gegen die Reichs-Exekutionen zum zündenden Funken für eine proletarische Revolution im ganzen Deutschen Reich werden könnte. In der Nacht zum 23. Oktober ergingen die Einsatz-Befehle an die kommunistischen Kampf-Gruppen, die 5:00 mit dem Sturm auf die Polizei-Reviere begannen, um sich Waffen zu beschaffen. Nur in Barmbek, Altona und im Kreis Stormann verliefen die Aktionen erfolgreich. Niederlagen in anderen Teilen Hamburgs, mangelnde Unterstützung der Bevölkerung und ausbleibende Aufstände im übrigen Reich machten den Anführern um Ernst Thälmann die Aussichtslosigkeit weiteren Kampfes klar. In der Nacht des 24. Oktober 1923 verließen die Kämpfer ihre Stellungen. Ernst Thälmann und andere Kommandeure flohen in Reichsgebiete außerhalb Hamburgs oder gingen in die Illegalität. Der Aufstand forderte etwa 100 Todes-Opfer; darunter 17 Polizisten, 24 Aufständische und 61 Unbeteiligte.
Parallel dazu entstanden im Rheinland separatistische Bestrebungen. Am 15. August 1923 wurde in Koblenz die „Vereinigte Rheinische Bewegung“ gegründet, eine Organisation, die auf die Abspaltung des Rheinlandes von Preußen bzw. Deutschland und die Errichtung einer „Rheinischen Republik“ unter französischem Protektorat zielte. Im Oktober 1923 wurden die Separatisten putschistisch aktiv. Am 21.10. besetzten sie unter den Augen belgischer Truppen das Rathaus in Aachen. Am 22.10.1923 übernahmen sie die Macht in Duisburg, ebenfalls unter dem Schutz der Besatzer. Am 22./23.10. erfolgte ein Putsch-Versuch in Eschweiler. Am 23.10. besetzten Separatisten mit Unterstützung französischen Militärs das Schloss von Koblenz. Am gleichen Tag fand in Wiesbaden ein Putsch statt. Am 29.10.1923 wurde die Machtübernahme der „Rheinischen Regierung“ im gesamten Regierungs-Bezirk Wiesbaden proklamiert. Das mit Gewalt und Plünderungen einhergehende Vorrücken der Separatisten auf Linz und Honnef Rhein-abwärts stieß schließlich im Vorfeld Bonns auf entschiedenen Widerstand der Reichs-treuen Bürger, wo der „Aufstand im Sieben-Gebirge“ mit Kämpfen vom 14. bis 16. November 1923 die Wende brachte. In der Folgezeit brach die separatistische Bewegung zusammen.
Aus Protest gegen den Abbruch des „Ruhrkampfes“ durch die Reichsregierung („Verrat“) wollte Hitler bereits am 29. September 1923 zur Feldherrn-Halle in München marschieren. Die bayrische Landes-Regierung beschloss jedoch ebenfalls, auf die Ablösung der „verräterischen Reichs-Regierung“ und gegen die französische Willkür zu arbeiten und ernannte dazu Ritter von Kahr zum General-Staats-Kommissar mit diktatorischen Vollmachten. Sowohl zu Ritter von Kahr als auch zum bayrischen Landes-Kommandeur der Reichswehr, Otto von Lossow, unterhielt Hitler gute persönliche Kontakte, die für ein gemeinsames Vorgehen sprachen.
Am 18. Oktober 1923 löste ein reißerischer Artikel im „Völkischen Beobachter“ mit Anklagen gegen Reichs-Präsident Ebert und den Chef der Heeresleitung, Hans von Seeckt, eine Krise aus. Umgehend verlangte der Reichswehr-Minister das Verbot der NSDAP und des „Völkischen Beobachters“ und beauftragte von Lossow mit dessen Vollzug. Da von Lossow den Befehl verweigerte, wurde er seines Kommandos enthoben. Von Lossow setzte sich auch darüber hinweg, indem er die bayrischen Reichswehr-Einheiten seinem alleinigen Befehl unterstellte und sie auf Bayern und die Landes-Regierung vereidigte, was einem Putsch gleich kam.
Hitler und Ludendorff, die vielleicht Zielsetzung und Ausmaß des verdeckten Putsches durch Otto von Lossow und von Kahr nicht voll überblickten, drängten auf eine offene Machtergreifung in München, um danach auch in Berlin die Macht-Frage zu stellen.
Für den 08. November 1923 um 20:30 hatte Erich Ludendorff das Losschlagen der Putschisten des „Kampfbundes“ und den Offizieren der Infanterie-Schule vorgegeben. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich Vertreter verschiedener Gruppen im „Bürgerbräu-Keller“ versammelt, um einer zündenden Rede von Kahrs zu lauschen. Mit einer ausgeklügelten Überrumpelungs-Aktion unter Einsatz der SA versuchte Hitler, die Versammlung zu usurpieren und ein Führungs-Gremium zu bilden, das ihm die politische Hegemonie sichern sollte. Jedoch widerrief von Kahr nach der Flucht der Landesregierung nach Regensburg und angesichts deren bereits eingeleiteter Abwehr-Maßnahmen alle Zusagen an Hitler und erklärte die NSDAP für aufgelöst.
Am 09. November 12:00 begann unter dem Befehl Erich Ludendorffs der Marsch zur Feldherrn-Halle in München, Hitler direkt neben Ludendorff. Die öffentlich angekündigte Aktion folgte dem Beispiel Benito Mussolinis mit dessen Marsch auf Rom vom Oktober 1922.
Dem Marsch stellte sich die bayerische Landes-Polizei entgegen. 12:45 fielen die ersten Schüsse. Binnen weniger Minuten starben vier Landes-Polizisten, 15 Marsch-Teilnehmer und ein Zuschauer. Der Marsch endete in Flucht, Festnahmen und Gerichtsverfahren; für Hitler in Festungs-Haft.
Das wirtschaftliche und politische Chaos im Deutschen Reich im Gefolge der Hyper-Inflation veranlasste die die Sieger-Mächte, am 30. November 1923 eine Sachverständigen-Kommission unter der Leitung von Charles Dawes, einem US-Finanz-Experten, einzuberufen, um die Tragfähigkeit der Reparationen für Deutschland auf der Basis eines zu stabilisierenden Geld-Umlaufes zu beurteilen.
Die Vereinigten Staaten hatten den anderen Sieger-Mächten während des Krieges umfangreiche Kredite gewährt, deren Tilgung durch fehlende Reparations-Leistungen Deutschlands gefährdet war. Trotz gegensätzlicher Interessen setzten sich die Vertreter der USA und Deutschlands in der Kommission gemeinsam dafür ein, den anderen Mächten ein tragfähiges Reparations-Programm aufzunötigen, das Deutschland für entsprechendes Wirtschafts-Wachstum auch den nötigen Zugang zu den Waren- und Kredit-Märkten der Welt ermöglichte. Am 10.08.1924 wurde der „Dawes-Plan“ in London unterzeichnet und trat am 01. September 1924 in Kraft. Da Deutschland fortan seine Reparations-Verpflichtungen pünktlich erfüllte, endete die Besetzung des Ruhr-Gebietes im Juli / August 1925.
Während Adolf Hitler nach dem Gerichts-Prozess wegen Hochverrats die Zeit bis zum 20. Dezember 1924 in Festungs-Haft in Landsberg verbrachte und an seinem Buch „Mein Kampf“ schrieb, ging Ernst Thälmann nach der Ablösung des KPD-Vorsitzenden Brandler an die Formierung des „Thälmannschen Zentral-Komitees“ der KPD. Thälmann meinte, dass aufgrund mangelnder Reife und Führungs-Fähigkeit die KPD in einer revolutionären Situation wie im Herbst 1923 versagt hätte.
Am 26. Juli 1924 beschloss der Reichstag die Aufhebung aller Partei-Verbote, was auch die spätere Reorganisation der NSDAP und der KPD ermöglichte. Der 1924 beginnende wirtschaftliche Aufschwung und die damit einhergehende Lockerung politischer Pressionen verdrängten zunehmend umstürzlerische Ambitionen als aussichtslos, so dass sich in beiden Parteien die Einsicht durchsetzte, einerseits den parlamentarisch-demokratischen Weg zu beschreiten und andererseits außerparlamentarische Massen-Aktionen (wie Streiks, Volksbegehren für Fürsten-Enteignung und gegen Panzerkreuzer-Bau) zu unterstützen (oder zu verhindern), um ihren politischen Einfluss zu stärken.
Obwohl Adolf Hitler ein erklärter Feind des Marxismus war, führten ihn die praktischen Anforderungen des politischen Kampfes zu den gleichen Erkenntnissen, wie sie das philosophische Gesetz der Negation der Negation nahe legt. Im Gegensatz zu den marxistischen Klassenkämpfern, die den bürgerlichen Staat samt seiner Machtstützen in Form von Beamten-Apparat, Justiz, Polizei und Armee ablehnten und stürzen wollten, setzte er auf Zusammenarbeit mit – in der nationalen Sache – gleich gesinnten Vertretern des Staates und der Wirtschaft und glaubte, dass seine Partei dafür die Rolle des politischen Hegemons ausüben könne.
Während des Ulmer Reichswehr-Prozesses vor dem Leipziger Reichs-Gericht gegen die Offiziere Scheringer, Ludin und Wendt wegen Vorbereitung von Hochverrat durch Konspiration mit der NSDAP vom 23.09. bis 04.10.1930 erfolgte auf Antrag des Leutnants Richard Scheringer die Ladung Adolf Hitlers als Zeuge. Im Rahmen seiner Aussage leistete Hitler vor Gericht den „Legalitäts-Eid“, also das öffentliche Versprechen für die NSDAP, nur mit legalen Mitteln der Weimarer Republik nach der Übernahme von Regierungs-Verantwortung zu streben. ..
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