HPB – Erzählung vom blinden Fleck, oder: Die göttliche Satire (?)

(Titel frei nach Alexej Tolstois Roman „Aelita“ – „Atlantische Erzählungen“)

Autor: HPB

Nachdem Gott die Welt neu erschaffen hatte, machten sich die Menschen auf die Suche nach ihm. Statt auf der Erde oder im Inneren derselben glaubten sie, dass er über oder hinter dem Himmelszelt zu finden sein müsse, von wo aus er das Treiben der Menschen beobachtete. Dabei war doch die Erde der Mittelpunkt der Welt. Hätte Gott demnach eigentlich auf der Erde oder gar in den Menschen selbst wohnen sollen? Aber das verneinten die Meisten. Also begannen sie, in den Himmel zu starren, um Zeichen Gottes oder von dessen Werken zu entdecken.
Was sie sahen, waren nach Sternbildern geordnete Fixsterne, welche im Jahresverlauf auf „fixen“ Bahnen über das nächtliche Firmament zogen. Anderen hingegen erlaubte Gott einen schnelleren Himmelsweg, auf dem sie die Sternbilder durchquerten. Doch über die Jahre hin waren auch diese als Wandelsterne Bezeichneten wieder auf der gleichen Bahn zu finden. Man gab ihnen die Namen Merkur, Mars (Ares) und Jupiter (Zeus).
Dann gab es noch die „bärtigen Gesellen“, die sich am Himmelszelt wie Wandelsterne benahmen. Mal machte Gott sie ganz klein, fast unsichtbar, dann wieder größer und manchmal ganz groß. Wenn Gott den „bärtigen Gesellen“ ganz groß an das Himmelszelt malte, bebte die Erde, brachen Vulkane aus, tobten Stürme und ergossen sich Fluten über das Land.

Folglich war es sinnvoll, eine kompetente Himmelsbeobachtung zu etablieren und den Beobachtern für gute Dienste ein gutes Auskommen zu gewähren. Sie waren gewissermaßen die altertümliche Versicherung gegen allerlei himmlisches Unbill, wenn man sich rechtzeitig auf den göttlichen Zornesausbruch vorbereiten konnte.

Eine Missgeburt und göttlicher Krieg

Die als Astrologen und Astronomen bezeichneten Himmels-Experten durchmusterten das Himmelszelt sorgfältig und fanden den Kosmos wohlgeordnet. Die Fixsterne und die Wandelsterne zogen auf den erwarteten Bahnen. Weder Merkur, noch Mars oder Jupiter gaben Anlass zur Sorge. Nur die „bärtigen Gesellen“ (Kometen) bedurften besonderer Obacht.
Von den „Vor-Sintflutlern“ hatten sie Kunde der Altvorderen erhalten, dass Gott einst am Firmament Sonderbares geschehen ließ. Auch damals zogen Sternbilder auf fixen, jedoch anderen Bahnen. Ebenso die Wandelsterne.
Dann hatte sich ein unbekannter brauner Himmelskörper an Jupiter herangemacht, diesen zu einem Rendezvous gezwungen und ihm Gewalt angetan. Fünf Stunden nach Beginn des Gewalt-Aktes sprang sonnen-seitig aus Jupiter ein weiß-glänzender Geselle heraus, der auf die Sonne zustürzte und später (in der Planeten-Ebene) eine stark elliptische Bahn nahm.
Die Alten hatten berichtet, dass der Neue immer wieder die Bahnen der anderen Planeten kreuzte und die ganze kosmische Ordnung durcheinander zu bringen drohte.

(Anmerkung: In der griechischen Mythologie wird behauptet, dass die Göttin Athene einst dem Haupt des Zeus in weiß-glänzender Rüstung entsprang. Zudem ist vom Ungetüm Typhon die Rede, mit dem Zeus jahrtausendelang kämpfen musste, um es in die kosmische Ordnung zu zwingen.)

Tatsächlich nahm Zeus-Jupiter sofort den Kampf auf, um die Missgeburt rückgängig zu machen. Sooft sich der miss-geborene Typhon ihm elliptisch näherte, ließ er all seine Kräfte walten, um den Gefährder wieder in seinen mächtigen Leib aufzunehmen. Doch misslang es stets. Was sollte Zeus-Jupiter tun? Er beschloss, seine göttlichen Geschwister um Hilfe zu bitten. Als erstes zog Mars in den Kampf. Das himmlische Ringen zwischen Mars und Typhon blieb ohne Entscheidung, denn Mars war zu klein und zu schwach, um Typhon zu besiegen.
(Homer lässt in der Ilias Ares und Athene in den trojanischen Krieg eingreifen, ohne dass die beiden Götter den Sieg ihrer Kriegspartei erringen können. Ein literarisches Spiegelbild des himmlischen Geschehens?)
Was blieb Gott (Zeus-Jupiter) noch an strategischen Kampfentscheidungen übrig? Mit Merkur in den Kampf zu ziehen? Der war doch noch schwächer als Mars (Ares) und zu weit weg! Es blieb nur eine Möglichkeit noch offen. Er musste sein liebstes Kind, sein Kronjuwel, die Erde selbst, in den Kampf gegen Typhon schicken. Die Erde würde Typhon mindestens ebenbürtig sein.
Doch auch dieser Kampf verlief nicht ohne Schäden und Opfer. Typhon war ein hartnäckiger Gegner, der sich nicht leicht bezwingen ließ. Vier mal musste die Erde zum Kamp antreten, bevor Typhon bereit war, den ihm in der kosmischen Ordnung zugewiesenen Platz einzunehmen.

Der blinde Fleck

Jahrtausendelang beobachteten die irdischen Experten, was am Himmelszelt vor sich ging. Mit Jupiter, Mars und Merkur war alles in Ordnung. Nur die Venus gab es nicht. Gott spielte offenbar Schabernack mit den Menschen, denn er ließ stets an der Stelle der Venus einen blinden Fleck seine Bahn ziehen. Keine Venus zu sehen!! Und plötzlich zog Gott den blinden Fleck am Himmelszelt weg, und die Venus war da.

Nun ja. Hätte die Erde nicht den Kampf mit Typhon bestanden, wäre dort, wo heute der Morgenstern zu sehen ist, immer noch ein blinder Fleck.?

[Ich mache darauf aufmerksam, dass dieser Artikel *kein Dies und Das* ist. Bitte nur Kommentare mit Bezug zum Artikel – Russophilus]

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